Liebe Gäste, liebe Freunde,

ich begrüße Euch herzlich zur Eröffnung der Ausstellung „Zeit“ von Ingo Regel. Er stellt sich einem Thema, welches unendliche Weiten eröffnet und gleichzeitig von ungeheurer gesellschaftlicher Brisanz und Aktualität ist.

Seid eingeladen auf eine Reise.

Will man den Physikern Glauben schenken, ist Zeit entstanden. Sie wurde sozusagen geboren. Ein Urknall gab den Auftakt für die Ausdehnung des Weltalls. Dieser folgend bewegt sich die Zeit in eine Richtung. Im Umkehrschluss gibt es die Annahme, das, wenn der Kosmos zu schrumpfen begänne, die Zeit ihre Richtung ändert. Menschenleben vergingen anstatt von der Geburt zum Tod, vom Tod zur Geburt. Es gibt Annahmen, dass unser Bewusstsein dies nicht einmal wahrnehmen würde. Seit jeher beschäftigen sich Philosophen mit der Zeit. Heraklit stellt sich die Zeit als Fluß vor, dessen Wasser beständig fließt. Demokrit denkt sich die Zeit als kleinste Partikel, welche der Mensch im Laufe seines Lebens abtastet. Heere von Soziologen und Psychologen beschäftigen sich mit der Wahrnehmung der Zeit. Hirnforscher zermartern sich ihr Hirn darüber, wie Erinnerungen entstehen, sich speichern lassen und ob dies noch mit den objektiven Geschehnissen der Vergangenheit kompatibel ist. Das Wort Entschleunigung hat Hochkonjunktur im tosenden Getriebe digitaler Möglichkeiten.
Ingo Regel nähert sich dem Phänomen Zeit. Lassen wir die hier ausgestellten Arbeiten auf uns wirken, als Betrachtende befreien wir sie aus ihrer einsamen Existenz, treten wir mit ihnen in einen Dialog.Wir sehen heute Straßenszenen, Engel, ein Lichtobjekt, Kosmos, ein Bild zu Arthur Rimbaud von 1984. Das Herz der Ausstellung stellt zweifelsohne der Gral dar.

Beginnen wir mit der Suche:
Der Gral als Verheißung des nie versiegenden Lebens, der nie endenden Fülle. Er entspringt einem mittelalterlichen Mythos. Jeweils dargestellt als Schale, Kelch oder Stein. Von Gralsrittern auf der Gralsburg gemeinsam mit der blutigen Lanze behütet, kann er jedoch seine Verheißung nicht erfüllen. Der Gralskönig ist krank, jede Nacht quält seine eiternde Wunde schreckliche Schreie aus seinem Körper. Das ihn umgebende Land ist unfruchtbar. Das „Öde Land“ ist versteckt. Niemand kann zur Gralsburg gelangen. Als doch ein Junge an die Pforte schlägt, ist jener nicht in der Lage, die erlösende Frage zu stellen. Der tumbe Tor, Parzifal, welcher auserkoren war, Gralskönig zu werden, versagt aus Unsicherheit und Scham. In Schimpf und Schande fortgejagt, erkennt er seinen entsetzlichen Irrtum und muss Jahrzehnte schmerzvoller, vergeblicher Suche hinter sich bringen, bis er zum 2. Mal die Gralsburg finden darf und den Gral erlöst.
Ingo Regel sucht den Gral indem er ihn baut. In der Natur sammelt er Äste von Weiden, jeder Einzelne wird mit dem Messer von seiner Rinde befreit. Das Gerüst entsteht – gleichsam ein Gralsgerippe – in welchem der Künstler jeden Kontakt der Äste doppelt verknotet. Die Haut bildet sich aus Schichten von Seidenpapier, Abschnitt für Abschnitt geklebt. Stunde um Stunde, Tage und Monate vergehen. Die Zeit fließt ein in den Schaffensprozess, jeder Knoten eine Erinnerung, die ständigen Wiederholungen weben eine ganz einzigartige Struktur in dieses Objekt.

Im selben Raum: 3 Hafenzeichnungen
Durch das konsequente Reduzieren vom Gegenständlichen hin zum Strich gelingt es Ingo Regel einerseits unsere subjektive räumliche Distanz zum Hafen zu vergrößern, wir entfernen uns scheinbar. Andererseits komprimiert er die Aussage der Zeichnung auf ihre Essenz, vielleicht auf den Hauch einer Erinnerung welche sanftmütig unser Herz berührt.

-Zeit-
Stellt Euch vor Ihr wacht eines Morgens auf und seid ein Käfer. Ihr liegt auf dem Rücken, eine Unmöglichkeit besteht darin, Euch zu drehen und vorwärts zu kommen. Und doch ist das Leben da draußen das Gleiche wie immer. Eure Schwester ist Eure Schwester. Sie kann Euch nicht finden sie öffnet die Tür zu Eurem Zimmer und Ihr seid weg. Diese schreckliche Vision wurde von Franz Kafka in seiner Erzählung „Die Verwandlung“ bis in den kleinsten Winkel ausgeleuchtet. Mit seinem Objekt illustriert Ingo Regel das Insekt, verkleidet es in eine ästhetische Form. Die Fühler necken die Entsetzlichkeit. Seiner Sprache und Identität beraubt, wird das Subjekt aus der Zeit geworfen.

-1984- Entstand das Bild „zu Rimbaud“
Der Dichter Arthur Rimbaud krallt sich mit seiner Poesie in das Herz des Malers. Es kommt zur unausweichlichen Begegnung. Man trifft sich gleichsam zerrissen, zerstückelt, von Schuldgefühlen besudelt, die unüberbrückbar scheinende Distanz zum Leben, die Not, ohne Vertrauen dem Dämon der Selbstverachtung schutzlos ausgeliefert und doch sehend. Der Eine, welcher das Feuer stehlen will, verstummt mit 20 Jahren. Jahre später lässt er sich gleichsam von der Wüste verbrennen, ausgedörrt von der Hitze ständig Goldbarren mit sich herumtragend stirbt er 36-jährig, beinamputiert in tiefster Resignation. Er wurde ein Unsterblicher. Der Andere mit dem Wissen um die Vergänglichkeit und dem Vergessensein muss weiterleben. Vor 32 Jahren malt er dieses Bild, er ist zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt.
Es war vor allem mein Bestreben dieses Bild im Kontext der heutigen Ausstellung zu zeigen. Es macht für uns nachvollziehbar, wie sich die Bildsprache Ingo Regels immer wieder wandelt. Sein unermüdliches Ringen gilt universellen und spirituellen Erfahrungszonen, Dingen zwischen Himmel und Erde in Raum und Zeit einen bildnerischen Ausdruck zu geben.

Karin Schönherr-Regel